„Das finde ich toll!“ erzählt uns die 10-jährige Probandin im Usability Testing begeistert, während sie ein Spiel auf einem Smartphone ausprobiert. Denn, wie auch Erwachsene, nutzen Kinder immer häufiger mobile Geräte, Computer sowie digitale Produkte und stellen damit eine wachsende Zielgruppe auch für Produktentwickler und Unternehmen dar. Vor allem in der Entwicklung von Apps, Webseiten oder Spielen, die spezifisch auf Kinder ausgerichtet sind, ist das Durchführen von Usability Tests entscheidend. Denn wie sonst soll eine optimale User Experience auch für junge Nutzer garantiert werden? 

In diesem Blogartikel geben wir dir einen Einblick in das Appmatics-Vorgehen zum UX bzw. Usability Testing mit Kindern. Wir berichten von unseren Erfahrungen aus durchgeführten Projekten und geben dir nützliche Tipps zur eigenen Vorbereitung und Durchführung. 

 

Vor der Durchführung zu bedenken

Die Untersuchung mit Kindern unterscheidet sich grundsätzlich von herkömmlichen Usability Tests mit erwachsenen Endanwender*innen. Demnach müssen spezifische Vorbereitungen getroffen und Faktoren bedacht werden, um das Wohlbefinden des Kindes während der Durchführung sicherzustellen und realitätsnahe Ergebnisse zu generieren:  

 

Auswahl eines geeigneten Settings 

  • Damit das Kind nicht verunsichert wird, wird die Untersuchung unter möglichst natürlichen, alltäglichen Bedingungen durchgeführt. Das Labor bzw. die Testumgebung sollte dem Kind vertraut sein. Wir begeben uns hierfür z.B. durch einen Hausbesuch bei unseren Probanden in das gewohnte Milieu des Kindes, sodass es sich von Beginn an wohl fühlt und seine Scheu verliert. 
  • Der Sitzplatz sollte vom Kind selbst ausgewählt werden. Als Moderator*in sollte man sich an das Kind anpassen und auf Augenhöhe begeben, um nicht als Autoritätsperson wahrgenommen zu werden. So setzen wir uns beispielsweise zu dem Kind auf den Boden oder auf einen Hocker.  
  • Wichtig ist auch, dass der Einfluss durch die Eltern möglichst eingeschränkt wird und diese keine Hilfestellungen. Die Kinder sollen möglichst selbstständig mit dem Testgegenstand interagieren und die zu untersuchenden Use Cases abwickeln. So können die Eltern zwar im Raum oder der Wohnung verbleiben, sollten sich aber mit etwas anderem Beschäftigen. 
  • Konträr dazu ist der Einfluss von anderen Kindern ggf. sogar hilfreich. So konnten wir bei Tests mit zwei Geschwistern und auch bei befreundeten Kindern einen besonders lebhaften Austausch hinsichtlich der Gedankengänge und Meinungen zum Untersuchungsgegenstand beobachten. Insbesondere zurückhaltende Kinder waren so eher bereit, sich zu öffnen. 
  • Um das Gefühl einer Testsituation zu vermeiden und die Kinder damit potenziell zu verunsichern oder abzulenken, sollte das Protokollieren einer zweiten Person überlassen werden.

Aufbau und Verwendung von Technik  

  • Auch der Aufbau des technischen Setups kann das Verhalten des Kindes beeinflussen. Um Ablenkungen durch verkabelte Mikrofone zu verhindern, nutzen wir zur Aufzeichnung von verbalen Äußerungen einen Konferenzlautsprecher, der in der Nähe der Kinder platziert wird. 
  • Oftmals muss aufgrund von Bedenken der Eltern bzw. aus datenschutzrechtlichen Gründen auf die Videoaufnahme des Kindes verzichtet werden. Um trotzdem die Nutzung zusammen mit den Originalkommentaren festzuhalten, empfehlen wir die Aufzeichnung einer Übertragung des Bildschirms vom verwendeten Smartphone mit Hilfe von Screen-Mirroring. Dank dieser Technologie ist es nicht nur möglich, das Klickverhalten des Kindes auf dem zum Empfang genutzten PC aufzuzeichnen, sondern auch die Protokollierung von Beobachtungen aus dem Hintergrund bzw. einem anderen Raum zu praktizieren. 

 

Während der Durchführung des Usability Tests

  • Vor allem beim Usability Testing mit sehr jungen Proband*innen sollte der Einstieg behutsam durchgeführt werden: Lerne zu Beginn das Kind kennen und stelle auch dich und den Grund deiner Befragung ausführlich vor – so kann Vertrauen aufgebaut und dem Kind genügend Zeit zur Eingewöhnung gegeben werden.  
  • Des Weiteren kann das Erklären deiner Intention die Bereitschaft des Kindes zur aktiven Teilnahme erhöhen. Wird deutlich, dass nicht die Fähigkeiten des Kindes, sondern nur der Testgegenstand geprüft wird, ist das Kind eher bereit, seine Gedanken zu äußern und positive sowie negative Rückmeldungen zu geben. 
  • Achte insbesondere neben den Aussagen während des „lauten Denkens“ auch auf die non-verbalen Signale des Kindes. Viele Faktoren, wie das Entwicklungsstadium oder die Persönlichkeit des Kindes können die Verbalisierung von Gefühlen und Gedanken deutlich stärker als bei Erwachsenen einschränken. Dafür ist die Körpersprache von Kindern umso aussagekräftiger! 
  • Bleibe flexibel und bereite dich auf das Unerwartete vor. Anders als bei Untersuchungen mit Erwachsenen, ist eine konsequente Durchführung von Leitfadeninterviews oder entlang vorgegebener Use Cases eher unrealistisch.  
  • Auch empfehlen wir eine großzügige Überrekrutierung einzuplanen und mindestens zwei Termine mehr als die eigentlich benötigten Interviews zu verabreden. Denn bei Kindern ist dieses Back-up noch mal wichtiger als bei Erwachsenen, da unbrauchbare Testresultate durch beispielsweise eine geringe Aufmerksamkeitsspanne oder einem Technikausfall vor Ort eine noch höhere Wahrscheinlichkeit haben. 

 

Unser Fazit 

Die User Experience von digitalen Produkten lässt sich schon sehr selten für Erwachsene, aber umso seltener für Kinder vorhersagen. Und genau deswegen lieben wir das Usability Testing mit dieser besonderen Zielgruppe! Denn es ist nicht nur immer wieder eine spannende Herausforderung für unser durchführendes Projekt-Team, sondern erweitert jedes Mal auch unseren Horizont als UX-Expert*innen.  

Umso wichtiger ist es, dass der Anspruch einer gebrauchstauglichen Anwendung für Kinder in der Zukunft auch aus Sicht von Unternehmen weiter an Bedeutung gewinnt. Wir von Appmatics unterstützen dich gerne dabei begleitend im Entwicklungsprozess.

Autorinnen: Lining Bao & Line Hotze