Interview mit Testmanager Kevin Schwarz

Bis zur vollen Reife – die Herausforderungen des IoT Testing

Das Internet of Things und die damit einhergehenden Phänomene Industrie 4.0 und Smart Home sind ohne Zweifel einer der großen Wachstumsmärkte im digitalen Business, wie wir bereits in unseren letzten Beiträgen Das Internet der Dinge: Billionenmarkt mit Vorbehalten sowie Vom Internet zum Intranet of Things – IoT unabhängig vom Hersteller gezeigt haben. Im dritten Teil unserer IoT-Serie zeigen wir heute, welche Herausforderungen das Testing von IoT-Anwendungen mit sich bringt.

Das Problem der derzeitigen Entwicklung ist klar: Wenn Google das Streaming von Amazon Prime über Google Home Geräte und Apps nicht zulässt oder ein smarter Kühlschrank sich nicht in das Heimnetzwerk integrieren lässt, dann haben zwar die Herstellerunternehmen den Vorteil, sich erfolgreich von ihrer Konkurrenz abgegrenzt zu haben – den Kund*innen nützt das aber herzlich wenig.

Die Herausforderungen für App-Entwickler und Tester

Mit diesen Herausforderungen haben aber auch App-Entwickler*innen zu kämpfen: Will man eine App auf den Markt bringen, geht es nicht nur darum, ein Netzwerk aus verschiedenen Geräten zum Laufen zu bringen. Auch reicht es nicht, eine App zu entwickeln, die ein einzelnes Element über ein Steuergerät ansprechbar macht. Diese Apps sollen vielmehr auf allen gängigen Smart-Devices und Eingabegeräten auf dem Markt funktionieren.

Kevin Schwarz, Testmanager im Team von Appmatics, bestätigt: „Eines der größten Probleme ist: Hersteller können sich nicht auf eine Sprache einigen. Bei Google Home oder Alexa klappt das schon, viele streben da Zertifizierungen an. Aber will ich mit Apple Home Kit mehr als Steckdosen an- und ausschalten, ist es zurzeit noch sehr schwer, andere nützliche Anwendungen zu finden.“

14 Devices – 14 Apps

Schwarz ist für die Planung, Durchführung und Auswertung massiver hardware-basierter App-Tests zuständig. Zuhause hat er vierzehn unterschiedliche Smart-Home-Geräte: Leuchten, Alarmanlagen, Staubsauger und einen Sprachassistenten.

Was unseren IoT-Experten nervt: Für fast jedes Gerät gibt es im Prinzip nur eine App-Lösung. Integration in verschiedene Systeme? Fehlanzeige. „Man kann nur hoffen, dass sich da schleunigst etwas verändert, sonst verliert man viele Kunden besonders in der Anfangszeit. Für ein Unternehmen ist es natürlich eine Frage des Markenkosmos, für den Kunden aber eine Frage der Nutzbarkeit“, sagt Schwarz.

Smart Home und Internet of Things

Die Notwendigkeit von Hardware-Tests

Viele Unternehmen entwickeln Apps und testen diese dann auf emulierten Geräten. Appmatics hat besonders das Hardware-Testing im Fokus, denn jedes Endgerät funktioniert in der Praxis anders. Grundsätzlich, sagt Schwarz, ist es schon so, dass zum Beispiel Smartphones aus dem Niedrigpreissegment meist Probleme mit der Konnektivität haben. Auch schneiden Android-Phones von Xiaomi, Huawei und anderen in diesem Bereich immer schlechter ab, als beispielsweise die hochpreisigen Apple-Geräte:

„Im Testing, aber spätestens dann bei der Markteinführung kommt es zu großen Problemen, wenn man die Geräte nicht im Haus hat. Bei Appmatics versuchen wir möglichst viele Einflussfaktoren abzubilden. Dabei decken wir sowohl haushaltsübliche Usecases mit 4 bis 6 Geräten ab als auch Edgecases mit 30-50 Geräten.“

Konnektivität bedeutet Praktikabilität

W-LAN ist nach Schwarz‘ Einschätzung derzeit die sicherste und schnellste Methode, Daten zu übertragen, allerdings braucht es dafür hohe Mengen an Energie. Dagegen ist Bluetooth schon sehr viel energieärmer und NFC nochmals etwas mehr. Allerdings zeigen Bluetooth-Apps oft Probleme mit der Konnektivität. Und bei NFC ist das zentrale Problem, dass dieser Übertragungsweg im Grunde nur von Android-Apps genutzt werden kann, da Apple die NFC-Funktion beim iPhone für Drittanbieter blockiert.

Im Kopf der Nutzer – die echte Herausforderung von IoT-Testing

Als größte Herausforderung beim Testing von Internet-of-Things-Applikationen sieht Schwarz, Testpersonen und Klient*innen die Herangehensweise an IoT und das Sich-Hineinversetzen in Verbraucher*innen beizubringen: „Ein No-Go im App-Testing ist es, sich nicht über den Use Case bewusst zu sein. Wenn ich eine Türöffnungs-App habe und ich muss durch drei Schritte gehen, um meine Tür auf- oder zuzuschließen, dann funktioniert das für den Endkunden nicht. Die Funktion, die ich am häufigsten nutze, muss am prominentesten platziert werden. Alle weiteren Funktionen müssen leicht und in wenigen Schritten zur Verfügung stehen.“

Apps müssen sich an Einsatzzweck ausrichten

In einem Test für einen Alexa Skill stellten wir von Appmatics kürzlich fest, dass 70 Prozent der Phrasen, also der natürlichen Sprachakte, mit denen Kund*innen den Voice-Assistenten adressieren, nicht abgedeckt werden: „Ja, das ist dann eine Frage von Sprache, Übersetzung, aber eben auch des Use Cases. Bei Alexa heißt es Entriegele! statt Öffnen! Das ist kontraintuitiv. Im Alltag sagt man auch mal, Mach die Tür auf! oder ähnliches. Merkwürdig wird es auch, wenn ein Nutzer fragt: Alexa, ist das Fenster offen? und Alexa antwortet: Ich öffne das Fenster für dich. Alexa kann das aber gar nicht. Noch schwerer ist es, wenn Dialekte oder Akzente hinzukommen.“

Optimismus für die Zukunft

Wenn es um die Zukunft geht, ist Kevin Schwarz sehr optimistisch gestimmt: „IoT hat riesengroßes Potential und die Akzeptanz der Millennials und der nachfolgenden Generationen steigt. Natürlich gibt es mit neuer Technologie auch immer ein Risiko. Das muss man sich dann immer fragen: War das früher anders? Das Mindset für uns als Tester, als auch für Entwickler und Kunden sollte kritisch und offen sein!“

Nicht jede App hat einen Mehrwert für Kund*innen. Wollen Unternehmen sie mit ihren Services begeistern, müssen sie beim Testen der IoT-App vor allem an die Lebensumstände und die Anwendungsfälle der Endverbraucher*innen denken. Danach spielen vor allem Konnektivität und die zahlreichen Faktoren der unterschiedlichen Endgeräte eine Rolle. Besonders von Herstellerseite benötigt es einen noch stärkeren Kundenfokus, eine Öffnung der Systeme sowie mehr Kooperationen mit anderen Herstellern, um Endverbrauchern die Welt des IoT näherzubringen. Solange wird es ein der großen Herausforderungen für App-Entwickler und -Tester bleiben, Brücken zwischen den Systemen, Geräten und Apps zu schaffen und diese auf Praktikabilität zu testen.